Auf einen Kaffee mit Daniel und Rafael

Liebe Freunde des Kombinats,

Unternehmer wünschen, Flüchtlinge schneller einzustellen. Für Flüchtlinge andererseits bedeutet Arbeit mehr als nur monatliches Einkommen. Arbeit bedeutet für viele Menschen Sicherheit. Die erste Hürde zum Zugang zu Arbeit nimmt man mit Sprachkenntnissen. Jedoch fehlt es vielen Flüchtlingen auch schon am Zugang zu Sprachkursen.

 

Dieser Umstand hat viele Gründe. Personalmangel und fehlende Räumlichkeiten sind nur zwei Punkte, die oft genannt werden. Jedoch gibt es auch tiefer greifende, politische Ursachen.

 

Seit etwa drei Wochen finden im Kombinat Süd Sprachkurse statt für Menschen, die aus Ländern wie Eritrea, Syrien, Irak, Afghanistan usw. (die Liste ist lang) fliehen mussten.

 

Wir haben drei afghanische Flüchtlinge bei uns getroffen, die an diesen kostenlosen Sprachkursen eben nicht teilnehmen durften. Mit zwei von ihnen haben wir uns zum Gespräch verabredet. Wer sie sind und was die Gründe sind, weshalb sie vom Bildungsangebot ausgeschlossen sind, erzählen sie im heutigen Flurfunk.

 

Zunächst möchten wir noch einige Informationen vorwegnehmen. Unsere Freunde haben sich gewünscht, als Rafael (23) und Daniel (42) vorgestellt zu werden. Sie gehören der Volksgruppe der Hazara an. Hazara werden seit Jahrzehnten u. a. von den Taliban verfolgt und ermordet. Sie leben nicht nur in Afghanistan sondern auch in Pakistan und im Iran. Menschenrechtsaktivisten bezeichnen ihre Situation als lebensbedrohlich.

 

Kombinat: Vielen Dank, dass ihr hier seid. Einer unserer Tätigkeitsbereiche hier im Kombinat ist der Coworkingspace. Leute mieten sich einen Schreibtisch und legen los. Könnt ihr mir verraten, was ihr vor eurer Flucht beruflich gemacht habt?

 

Rafael: Zunächst einmal bin ich Student. Jedoch ist die Situation, wo ich herkomme, eine andere als hier in Deutschland. Denn seitdem ich ein kleiner Junge bin, musste ich immer für meine Bildung arbeiten. So kam es, dass ich als Schneider oder Bauarbeiter arbeitete. Eine Zeit lang übersetzte ich für Touristen und andere Besucher in Afghanistan. Aber hauptsächlich möchte ich wieder Student sein, um zu lernen.

 

Daniel: Vor 10 Jahren arbeitete ich als Schneider im Iran. Drei Jahre lang habe ich bei einer Autovermietungsfirma in Dubai gearbeitet. Seitdem ich in Deutschland bin, übe ich leider keinen Beruf mehr aus, weil ich zwei Operationen an meinem Rücken hatte. Ich lerne Deutsch, damit ich irgendwann eine Bürotätigkeit ausüben kann. Ich fühle mich nicht gesund genug, um wieder körperlich zu arbeiten.

 

Kombinat: Ich weiß, dass es in Deutschland (überall sonst sicher auch) schwierig ist, wenn man die Sprache nicht beherrscht. Welche Hürden gibt es noch im Moment, die euch von einer Tätigkeit fernhalten?

 

Daniel: In anderen Ländern ist das noch viel schwieriger. Schau mal, unsere Situation war schon immer furchtbar. Wir flüchteten aus Afghanistan nach Pakistan um zu überleben. Dort versuchten wir, in die Schule zu gehen. Bevor man jedoch in die Schule gehen konnte, musste man eine offizielle Bescheinigung haben, wer man sei. Diese konnte man aber nicht in den Botschaften erhalten, sondern bloß bei Behörden in Afghanistan. Jeder Weg dorthin war gefährlich. Man könnte abgefangen und ermordet werden. Warum? Weil wir Hazara sind.

 

Daniel: Ein guter Anfang wäre es, wenn die Botschaften mit allen Afghanen kooperierten und nicht nur mit einigen Wenigen. Jetzt in Deutschland haben wir kürzlich erfahren, dass Afghanistan ein sicheres Herkunftsland sei. Das verstehe ich nicht. (Anmerkung: Wir auch nicht!) Afghanistan besteht nicht nur aus einem Volk sondern aus vielen. Und das ist auch das Problem in der Politik. Es wird nur Politik von einem Volk gemacht. Dass das international nicht bekannt sein sollte, stößt mir auf.

 

Rafael: Jedenfalls ist das ein Grund, warum wir nicht mehr an Sprachkursen teilnehmen dürfen. Wir haben unseren Status verloren, seitdem Afghanistan ein sicheres Herkunftsland ist.

 

Daniel: Dabei möchte ich auch zurück dorthin. Im Moment ist es gut, hier in Sicherheit zu sein. Vorletztes Wochenende waren wir in München und haben dort protestiert und auf die Situation unserer Leute in Afghanistan hingewiesen. Dafür sind wir zurzeit auch in Deutschland. Nämlich unseren Leuten zu helfen.

 

Weißt du, egal ob nun Afghanistan ein sicheres Herkunftsland sein soll, und wir deshalb bald abgeschoben werden, hätten wir trotzdem gerne die Chance gehabt, hier zu studieren und zu lernen. So wären wir zurück nach Afghanistan gekommen und hätten womöglich die Koffer voller Wissen und Bildung. Das hätte uns und unserem Land weiter geholfen. Doch das fehlt uns. Weil wir und unsere Leute systematisch in unserem Land davon ausgegrenzt werden. Und leider auch hier.

 

Abgesehen davon, ist die Möglichkeit auf Bildung ein Menschenrecht. Da dürfen wir nicht schweigen und so tun als ginge die Welt weiter ihren Lauf. Und wir kritisieren Deutschland dafür, dass es die Lage in Afghanistan falsch einschätzt. Dadurch macht es uns die Dinge unmöglich. Wir können dort nicht bleiben, nicht leben – nicht heute und wann überhaupt ist ungewiss.

 

Kombinat: Wir bedauern die Situation von Daniel und Rafael zutiefst und hoffen, dass ihre Stimme Gehör findet. Wir bedanken uns für das Gespräch und sind froh, dass Sie hier (in Deutschland, hoffentlich in Sicherheit) sind und uns von ihrer Situation berichten konnten.

 

Mehr Informationen über die Hazara könnt ihr hier erhalten.

 

www.hazarapeople.comen.wikipedia.org/wiki/Hazarasde.wikipedia.org/wiki/Hazara

 

Wir wünschen Euch einen guten Wochenstart und eine besinnliche 1. Advents-Woche.

 

Euer Kombinat-Süd

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